Nacktschnecke, eine Rachegeschichte.

Nackt ist die Schnecke nicht mehr süß, nicht nackt, sondern schleimig, nicht schleimig, eher glitschig und doch eher nicht glitschig, sondern eklig, sondern schädlich, lieber tot als lebendig.

Die spanische orange Nacktschnecke hat die schwarze Hiesige verdrängt, frisst viel mehr als die sonstige.

Heißt es.

Schnecke (C) Lucie Morin

Ich fresse gerne mal eine Schnecke, aber nicht nackt. Die Schnecke schmeckt am besten mit Kräuterbutter. Außer die Nacktschnecke. Sie schmeckt nicht.

Schade. Wäre praktisch für den Gärtner. Statt die Nacktschnecke auf der nackte Erde zu schneiden, würde der Feinschmecker diese in dem Mund kauen.

Die Rache schmeckte dann besser. Von Rache zur Liebe, nur ein Schritt.

So hätte der Gärtner keinen Eckel mehr vor dem nutzvollen Mord.

Bescheid

Bescheid [bəˈʃaɪt] m <-[e]s, -e> / l’information, la réponse, la confirmation f

Verbindliche Unverbindlichkeit.
Es ist das Unscheinbare.
Ein Licht ins Ungewisse.
Ich sag, weiß und gibt Bescheid.
Verschenke Information.
Kriegst du ’s oder eben nicht.
Inhalt egal. Erhalt herhalten.
Pech der Bescheidene.
Er kennt kein Wert im Bescheid.
Bescheid unvermeidlich beschissen.
Kein Glück beschieden.
Neun Mal Bescheid trifft ein Treffer.
Viel drüber geschrieben.
Beschissen zu wissen.
Abgesagt.
Wem hilft der Bescheid?
Wir wissen, dass wir gerne möchten.
Ich möchte gerne.
Du? bitte schön!
Was bleibt unentschieden.
Wir wollen, unausgesprochen.
Bescheidener Zustand.

Abschied

Abschied [ˈapʃiːt] m (-[e]s, selten -e) | l’adieu m

“Abschied nehmen”, heißt es. Eine eindeutige Trennung. Doch klebt dieses Verb wie ein Verdacht daneben. Danach bleibt nicht mehr viel übrig. Im Gegenteil lässt man vieles weg und hinter sich. Ab…und schied! Wir legen Stückchen von uns ab, schenken uns einen letzten Gruß, nehmen aber nichts mit. Platz gibt es für Objekte, aber nicht für Momente. Wie viele Kartons bräuchten wir, um die Freude der mit Freunden geteilten Momenten mitzunehmen? Das Schönste an dem Abschied ist die Bestätigung, dass es mit dieser Freundschaft ernst gemeint war. Im Voraus haben wir es nicht wissen können, während dessen haben wir es uns nie gesagt, danach denken wir sehnsüchtig daran.

Ist es das was wir doch mitnehmen? Wie viel ist es? Vielleicht nehmen wir alles mit. So, dass nichts mehr übrig bleibt. Also, nehmen wir doch. Dagegen nehmen wir ins Französische fast nie einen Adieu – wir tun es und mehrfach (faire ses adieux) – , sagen viel lieber Au revoir, wie eine versprochene Freude auf einem Wiedersehen.

gleichwohl

gleichwohl [ˌɡlaɪ̯çˈvoːl] adv néanmoins

„gleichwohl“ wiederholt sie mit leiser Stimme. So, als ob es leicht wäre, einfach das Eine oder das Andere abzuwägen. Ihr entgleitet jegliche Verantwortung, in dem sie wohl immerzu alles gleichzeitig im Betracht zieht. Es wird so sein. Das kann man wohl sagen.Oder? Sie weiß es wohl, sagt es aber nicht. Sag es wohl! Möchte man ihr ins dünne, blasse, alternde Gesicht schreien. Besteht die Möglichkeit eines Ausdrucks, obwohl der Zugriff auf einem ausführlichen Wortschatz fehlt? Die Ideen sind nicht das Problem. Die in einer bestimmten Sprache ausformulierten Konzepte sind es. Weniger die Idee als der Weg zum Ausdruck dieser ist unbekannt. Handelt es sich um das Gleiche, wenn die Frau ihre Gedanken nicht gleich formuliert oder wenn diese gleich alle Gedanken formuliert? Ist doch das Gleiche, oder?

Wechsel

Wechsel [‚vɛksəl] m (~s;~) | (Veränderung) changement m; (Schwankung) variation f; (Umschwung) revirement m

Anweisung fürs neue Jahr #1 | Dreh-Übung

Gehen sie täglich ein paar Schritte, hin und her. Beim Gehen, achten sie auf Ihre Fußsolen. In regelmäßigen Abstände drehen Sie sich drei Mal hintereinander in eine beliebige Richtung. Anschließend gehen Sie in regelmäßigen Abstände einige Schritte rückwärts. Wiederholen Sie die Drehungen! Achten Sie dabei, dass Sie sich  nicht über ihre Lieblingsseite drehen. Abschließend gehen Sie wieder ganz normal.

Nach einiger Zeit werden sie eine Änderung ihrer alltäglichen Gewohnheiten feststellen.

Akzeptanz

[ak’tsεptants] f, die -(~) -kein Plural- l’acceptation, (Popularität) popularité f, (Zustimmung) consentement m

Ak.zep.tanz – Als ich tanzte, nahm mein Körper mich an.

Oktober.Porto.Tanzen

Weg, nach einem langen Weg. Aus dem Land, aus der Sprache! Weder hier noch da. Alles fremd. Und zuerst die Sprache. Dort. Im Herbst losfliegen, im Sommer landen. Ich tanzte, wälzte mich und stand wieder auf. Zum Schluss nach Hause kommen und nicht mehr dieselbe sein.

Eigentlich Wort des Monats „Oktober“: es wollte nicht so recht passen, dauerte ewig, wurde zu lang und unübersichtlich, Ideen gab es für mind. 12 Texten. Deshalb in Dezember nur die etwas merkwürdige Kurzversion.

skurril, der Scharfsinn

skurril [skʊˈriːl] adj. grotesque, bizarre, absurde

Scharfsinn [‚ʃarfzɪn], der -(e)s la sagacité, la perspicacité, la finesse d’esprit

Scharfsinnig fühlt sich hell an. Es leuchtet einem ein. Es trägt bunte Farben und wärmt im Inneren. Der Scharfsinn ist genauso, wie er ist.

Vor kurzem traf ich vierzig Stunden lang meine Eltern. Die Hochzeit einer Cousine in chicer Pariser-Umgebung war der Anlass. Ich hatte meine Mutter und meinem Vater vorher Monaten lang nicht gesehen.

Abrupte Treffen scharfen die Sinne. Die Knappheit der Zeit schafft einer gewissen Distanz. In so kurzen Augenblicken nähere ich mich nur bedingt den Menschen, so nah und vertraut sie mir auch sein mögen. Vielmehr umkreise ich sie. Ich schlüpfe in eine Beobachterrolle. Im Rausch der Sinne sauge ich Eindrücke ihres Seins auf. Im Nachhinein fühlen sich solche Momente wie Erkenntnisse an.

Während der Rückfahrt leuchtete es mir ein: meine Eltern sind skurril. Sie verstehen es, wie keine anderen Menschen, jeder Situation eine Prise merkwürdiger Absurdität einzuhauchen. Das beinhaltet eine leichte Brutalität. Jede Situation könnte aus dem Ruder laufen. Aber alles bleibt, unschuldig und unbenommen. Lebenslang begleitete mich diese Haltung. Ihr (und ihnen) verdanke ich einen eigenartigen Sinn für Humor. Das Wort „skurril“ ist nicht genauso in der französischen Sprache. Es sind mehrere Wörter, die seinen Sinn transportieren. Ich brauchte aber das Wort, um zu erkennen, wie meine Eltern sind. Absurd und merkwürdig, manchmal grotesk. Ganz genau: skurril. Die Brutalität in dieser Haltung fördert und erfordert einen scharfen Sinn. Jede Situation muss genauso so sein, wie sie ist. Wäre sie es nicht, wären sie nicht so skurril.

fuchsteufelswild

fuchsteufelswild adj. Fou de rage, furieux

Die Quintessenz der deutsche Sprache in einem Wort. Auf jeden Fall für mich. Allerdings fiel mir das Wort in dem wunderbaren Buch „Brüder“ von Yu Hua auf. Man ahnt es. Das Buch ist aus dem Chinesischen übersetzt. In einem Sprachforum lese ich über das Wort, es sei „ein bildlich aussagekräftiges Wort“ ! Natürlich passt es gerade gut, dass es mir aus der chinesische Sprache übersetzt auffällt. Eine faszinierende Fähigkeit der deutsche Sprache ist die Möglichkeit Wörter miteinander zu kombienieren, um neue Wörter zu kreieren. Es erscheint mir als ob die Wörter wie Lego-Steinen unendlich neue Formen annehmen können. Fuchs.Teufel.Wild. Mir kommt sogar (als Französin) beim Aussprechen die Spucke leicht aus dem Mund. Das wiederum passt wunderbar zum Buch, das ich nur empfehlen kann.

Hain

Hain [haın] poèt m le bocage

Endlich wieder ein Wort entdeckt. Und gelernt. So oft passiert es nicht mehr. Vergebens versuchte vor kurzem ein über mein Unwissen irritierter Student meines französischen Kurses eine Übersetzung für das Wort „Schwimmblase“ aus mir heraus zu kämpfen. Ja, es gibt in der Tat eine Übersetzung im zoologischen Bereich „vessie natatoire“. Das sagt auch der Online-Übersetzer. Na und! Soll ich auch noch Wörter über das innere Leben der Fische auf Anhieb kennen? Eine weise Weisheit sagt, dass Fische nicht zu denken brauchen, weil sie schon alles wissen.<a rel="license" href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/deed.de"><img alt="Creative Commons Lizenzvertrag" style="border-width:0" src="http://i.creativecommons.org/l/by-nc-sa/3.0/80x15.png" /></a><br /><span xmlns:dct="http://purl.org/dc/terms/" href="http://purl.org/dc/dcmitype/StillImage" property="dct:title" rel="dct:type">Hain | Cap de la Hague 2012</span> von <a xmlns:cc="http://creativecommons.org/ns#" href="https://sprachrol.wordpress.com/" property="cc:attributionName" rel="cc:attributionURL">Lucie Morin</a> steht unter einer <a rel="license" href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/deed.de">Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported Lizenz</a>.

Am Tag darauf schrieb ich einen Text über die Ausstellung „Spuren in Hain“ der finnischen Künstlerin Hellena Rytkönen und suchte nach dem Wort „Hain“, dessen Sinn sich mir nicht ganz entschlüsselte. Ich fand ein wunderschönes Wort. Ein sinnvolles Wort, den ich unbedingt fürs Leben brauche. Ich hatte bisher vergeblich versucht, die heimatliche Landschaft zu erklären: „Stell dir vor: kleine grüne Felder mit Knick überall, ganz viele Knicke, mit blauen Steine und Granit, von Moos bedeckt und Hagedorn und Brombeeren durchquert… weißt du? Knicke, Steine, Moos. Grün, Blau, Brombeere“… Einfach der Hain. Die Hainlandschaft. Die normannische Hainlandschaft. Oder so wie sie aussieht?

kokosnussdumm

kokosnussdumm [ˈkoːkɔsnʊsdum] adj. bête comme une noix de coco

Diesmal kein Wort aus dem Alltag. Das Adjektiv befindet sich noch nicht in einem Wörterbuch. Das Wort entdeckte ich in der Süddeutsche Zeitung Wochenende am 3./4. März in dem Artikel „Der Fingerzeig – Die Gesinnung ist wieder schwer in Mode – wer nicht aufpasst, steht plötzlich mit der falschen da“ von Hilmar Klute. Übrigens interessanter Artikel über den politisch-moralischen Geist der Zeit. Wunderbares Bild von Paolo Ventura als Illustration zu dem Artikel.Präziser handelte es sich bei dieser Qualität um den Klappentext des hochdiskutierten Romans „Imperium“ von Christian Kracht: „Das einzige Unbehagen, das dieses Buch auslösen könnte, ist der kokosnussdumme Klappentext von Elfriede Jelinek.“ Ich habe das Buch nicht gelesen. Ich habe den Klappentext nicht gelesen. Ich kann nicht über das Buch beurteilen und auch nicht darüber, ob kokosnussdumm in diesem Fall angemessen ist. Nun verstehe ich, dass der Autor den gemeinten Text rundum dumm fand. Richtig und erfrischend. Kokos und Dumm. So einfach ist es, dass es wiederum Sinn macht. Gäbe es dann einen Unterschied in den Dummheitsqualitäten? Könnte man dann auch kiwiidiotisch oder kartoffelblöd sein?